Dr. Achim Heinze


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Race Across America Quali/UMCA-EM 3.-4.7. 2009

Wettkampfberichte > 2009

Race Across America Qualifikation / Ultracycling Europameisterschaft

Wangen an der Aare/Schweiz 4.-5. 7. 2009

Normalerweise bereitet der Druck auf´s Pedal erst beim Radfahren im Verlauf eines langen Rennens Probleme - in diesem Fall gab es derartiges bereits bei der Anfahrt. Dass es sich dabei nicht um die beiden Fahrradpedale handelte, sondern um das Gaspedal meines Pkws, machte die Sache nicht einfacher.

Was war geschehen?

Letzten Sonntag fuhr ich bei Dauerregen den Mondseeradmarathon. Um besser an die Gels in der Trikotrückentasche zu kommen, ließ ich die Weste in Triathlonmanier über der Hüfte hochgesteckt sitzen. Dabei musste die Kälte in Verbindung mit der häufig eingenommenen flachen Aerobarposition wohl die Hauptursache für danach auftretende Muskelbeschwerden im Lendenbereich gewesen sein. Das wäre aber alles nicht so schlimm gewesen. Bei unserem Schulsportfest hebe ich etwas Schweres hoch, und "verreiße" mir dort das "Kreuz". Am Ende des Schultages muss ich die Sekretärin bitten, ein auf den Boden gefallenes Blatt Papier für mich aufzuheben. Ich hoffe aber noch darauf, dass sich die Sache durch Bewegung auf dem Rad auf dem Heimweg wieder beruhigt. Weit gefehlt! Die Radschuhe bleiben erstmal offen, zum Schließen komme ich sowieso nie und nimmer runter. Die Fahrt selbst ist derselbe Horrortrip. Selbst im Wiegetritt ist jede Pedalumdrehung schmerzhaft.

So die Ausgangslage.

Am Tag darauf: Pkw-Anfahrt nach Wangen

Alle 10 Minuten den Sitz anders einstellen, usw... ...als Andi - in Landsberg zugestiegen - nach knapp 5 Stunden auf die Fahrerseite wechselt, wird´s etwas besser. Im Kopf immer die Frage: Kann man so überhaupt Rad fahren? Am Mittwoch, direkt nach dem Hexenschuss konnte ich kaum den Lindenberg (ca 15 Höhenmeter) von der Apotheke heimfahren. Dabei war diese Fahrt auch noch umsonst. Laut Zeitung hatte diese Apotheke Notdienst, am Eingang stand aber zu lesen, dass eine andere Apotheke turnusmäßig (!) dran ist. Die ist natürlich im übernächsten Ort,... Ich verzichte damit auf die Medikamente, weil ich für eine Schachtel Muskelrelaxans, die sowieso wieder nicht vorrätig ist, nicht mit Rückenschmerzen über eine Stunde durch die Gegend fahre. Aber was macht jemand der dringend Medikamente benötigt? Was ein alter Mensch? Aber das nur nebenbei...


...in Wangen angekommen, beichte ich dem mitgereisten Betreuer Andreas Wagner schließlich mein Problem und verweise darauf, dass evtl. am Bodensee nach 250 Kilometern schon Schluss mit meiner Performance sein könnte. Alle Vorbereitungen bezüglich Streckenkenntnis waren damit ohnehin sekundär geworden. Die Erinnerung an meine RATA-Absage war zu frisch. Sich alles einprägen, wenn man es sowieso nicht braucht. Wozu? Auch das Wieder-Ausräumen des gepackten Autos war damals extrem frustrierend. Man macht einfach ungern Arbeiten umsonst. Somit muss es hier in Wangen irgendwie gehen.

Nach einigermaßen schmerzfreier Nacht, darf ich für die eingenommene Schonhaltung in der Nacht nun am Frühstückstisch büßen. Sitzen ist der Horror! Da steht man gerne wieder auf und lässt das Essen Essen sein. Andi kann als erfahrener Physiotherapeut in einer eilig anberaumten Notfalltherapie wenigstens die Beinblockade lösen. Das Hauptproblem kann man natürlich nicht in einer Sitzung beseitigen. Zaubern kann niemand, zudem ist gar keine Zeit dafür. Man hat vor dem Start eigentlich genügend anderes zu tun. Letzten Mut spricht mir mit Dr. Knechtle, einer der erfolgreichsten und wohl der erfahrenste Ultratriathlet im Rahmen seiner Untersuchungen an Teilnehmern des Schweizer Radmarathons zu.

Vor dem Start übergebe ich noch an Daniel und Rainer Egli, zwei Teilnehmern aus Bern, ein schweres Paket aus dem Kofferraum. Wäre man Rennradfahrer bei der am gleichen Wochenende beginnenden Tour de France, würde die Übergabe wohl für intensivste Dopingspekulationen sorgen. Hier war aber nur Ensure drin! Eigentlich wollte ich noch spaßeshalber irgendetwas mit "from Fuentes, do not open, keep cool!" drauf schreiben, aber außer Galgenhumor wäre angesichts der "unangenehmen Gesamtsituation" nicht viel zu lachen gewesen.

Ich fahre bei leichtem Regen locker los und nehme, als keine Schlaglöcher oder dergleichen in Sicht sind, die "heißgeliebte" Aeroposition ein. Es schmerzt natürlich, aber man kann sich an alles gewöhnen. Je länger man in einer Position bleibt, um so schlimmer ist der Schmerz beim Wechsel in eine andere. Wechselt man oft, hat man immer wieder leichten Schmerz. Im Prinzip Not oder Elend? Dann doch lieber häufig den leichten Schmerz. Das schlimmste sind aber unabhängig davon immer noch Fahrbahnunebenheiten; besonders, wenn man diese nicht vorher gesehen hat. Gar nicht zu reden von den Bahnübergängen!

Nach 5 Minuten zieht Thomas Ratschob an mir vorbei. Thomas Strebel, der spätere Sieger, überholt mich kurz vor dem Anstieg über den Jurasattel, einem der drei Minipässe der Gesamtstrecke. Bergauf kann ich folgen, aber bergab sehe ich ihn nicht mehr. In der ersten Kurve blockiert gleich das Lightweigt-Hinterrad - meine erste Fahrt mit Karbonfelgen. Man kann sich aber schnell darauf einstellen.

Mittlerweile ist der erste Regen abgezogen und wir fahren weiter Richtung Aare und Rhein, um schließlich bei Koblenz nach Deutschland überzusetzen. Dort sind die Straßen tatsächlich etwas besser, allerdings führen die Radwege anders als in der Schweiz nicht immer wieder zurück zur Hauptstraße.
Die Auffahrt Richtung Bonndorf ist abgesehen von dem feuchten Bärlauchgeruch im Flußtal eine angenehme Steigung, die mir liegt. Ein Teilnehmer aus Schweden fährt ebenfalls mein Tempo und meine (niedrige) Trittfrequenz, was ich in dieser Kombination das erste Mal erlebe. Ein schnalzender Donner kündigt indessen die nächste Regenfront an. Nach starkem Regen fahre ich mit den beiden RAAM-erfahrenen Michael Nehls bzw. Fabio Biasiolo bei feucht-warmem Wetter Richtung Bodensee und an diesem entlang.

In Scherzingen halte ich vergeblich nach einer Jan-Ulrich-Statue Ausschau. Auch kein halbfertiger Betonklotz, dessen Bau man 2006 aufgrund aktueller Entwicklungen vom Gemeinderat im Eilbeschluss eingestellt hätte, findet sich. Die Radlegende höchstpersönlich ist auch nicht unterwegs. Nicht mal ein Doppelgänger. Schwach! Da hätte ich mehr erwartet. An der Ampel frage ich ein paar Fußgänger, wo Scharpings verstoßener Adoptivsohn steckt, doch die kennen den gar nicht (mehr)...

Michael Nehls fährt konsequent in Aeroposition. In Oberlenkerhaltung wird man bei gleichem Krafteinsatz deutlich langsamer. Also wieder runter. Wenn der Rücken besonders schlimm weh tut, soll ich auf die Akupunkturnadeln drücken. Ich versuche es mehrmals, werde aber in Liegeposition mit einer Hand so wackelig, dass ich einmal sogar den Lenker Richtung Gegenverkehr verreiße. Dann lieber nicht. Da ich immer wieder im Abstand von mehreren Zehnern von Metern hinter Michael Nehls herfahre, beschließe ich aus Fairnessgründen auch mal voraus zu fahren. Mich wundert zwar, dass er nicht hinterherkommt, denke mir aber nichts dabei. Nach einiger Zeit schwant Andi und mir Böses...

... wir sind falsch. Stopp am Straßenrand. Irgendwo. Jetzt erst merke ich, welchen Stress ein einziger Betreuer allein im Auto hat. Wir wissen weder, wo wir "nach Au weggemusst" hätten, noch wo wir jetzt sind. Die Befragung einer fröhlichen Runde im Straßencafe bringt uns nicht weiter. Wenigstens wissen wir, dass hier noch kein anderer Radfahrer war und wir definitiv falsch sind. Ziemlich entmutigt fahren wir vorsichtig weiter. Leider ist es noch nicht so lange dunkel, dass ich mich bereits am Firmamant orientieren hätte können. Mein Eindruck, dass wir nicht nach Süden fahren, wo wir hin sollten, dürfte wohl stimmen. Verunsichert fahren wir weiter und probieren so ziemlich alles, was in der Nähe von Diepoldsau liegt, durch. Plötzlich überholt uns tatsächlich ein offizieller Motorradpatrol! Wir fahren ihm nach, bis er am Straßenrand anhält und es sich herausstellt, das er genau sowenig weiß wo´s hingeht. Er fährt links, ich trotzdem rechts, weil so wie so schon alles egal ist und ich nach Himmelsrichtung und Gefühl fahre. Er dreht auch um und folgt uns...

...als wir es doch auf die richtige Straße Richtung Buchs geschafft haben, ist die Luft raus. Zudem ist man nach so einem Verfahrer einfach verunsichert. Nach jeder Abzweigung fährt man langsamer, um nicht zu viel zurück fahren zu müssen. Wenn irgendwo Menschen am Straßenrand stehen, frage ich nach, ob hier schon Radfahrer waren. Ich habe schon seit Stunden keinen mehr gesehen. Als ich auf der Auffahrt zum Schindellegi wieder menschliches Leben in Drahteselform in der nächtlichen Schweiz entdecke, fahre ich etwas übertrieben schnell vorbei. Irgendwo dort kommt dann Olli, der zweite Betreuer, nach seinem langen Arbeitstag und 7 Stunden Autofahrt nach 3 Uhr morgens an. Jetzt ist es für Andi zu zweit im Wagen hinter mir auch leichter...

...als beide einen kurzen Stopp zum Fahrerwechsel machen, kommt ausgerechnet eine Serie von Abzweigungen. Ich bin mir 100% sicher, dass wir uns jetzt verloren haben, fahre einfach weiter - Wegweiser sehe ich nirgends -, da kommt mein Betreuerauto plötzlich entgegen! Zum Thema Wegweiser: Zusammen mit Benny Furrer und der Startnummer 63 drehten wir zuvor schon eine Ehrenrunde in einem Industriegebiet, da dort der Pfeil hinzeigte. Das war dann schon wieder lustig! Generell habe ich mich über die Ankunft von Olli sehr gefreut: Die Rückenschmerzen konnten das Finish nicht mehr verhindern, der Rennstress war weg, die Nacht trocken und angenehm warm,... eigentlich eine schöne Situation.

Entlang an wirklich schönen Seen und leicht welliger Landschaft kommen wir ins bekannte Emmental. Dort ist noch eine zweite 100km-Runde zu drehen. Mit Beny Furrer fahre ich die letzten Stunden - ich bin bergauf voraus, er kommt dann wieder nach. Also biete ich an, dass wir zu zweit durchs Ziel fahren. Warum auch nicht? Er ist doch schon eine RAAM-Legende! Ich glaube, meine Betreuer sind etwas enttäuscht, dass ich nicht mehr voll fahre, aber es hat sowieso keinen Sinn mehr.

Es war von Vornherein ein Wagnis, dann die Verfahrer, ohnehin nur 1,5 Betreuer, und das ganze sowieso zu flach. Vermutlich wollte die Crew einfach schneller ins Ziel, was ich gut verstehen kann. Dort angekommen, vergesse ich glatt zu stempeln. Erst als ich mich umziehe, sehe ich, dass der Chip noch in der Hose steckt. In der Ergebnisliste wird dann tatsächlich die Zeit, als wir im Ziel Fotos gemacht haben, uns an der Zielverpflegung erfreuten, usw. zur Rennzeit dazugerechnet; obwohl Beny und ich ja nachweislich zusammen angekommen sind. Na ja.

Da es ohnehio nur um Platz 10 oder 11 geht, was manche wohl wenig weltmeisterlich finden, halte ich lieber den Mund. Trotzdem freue ich mich, jetzt auch noch bis 2012 RAAM-qualifizert zu sein. Zudem konnte ich lernen, dass man über 700 Kilometer mit Rückenschmerzen, die einen nicht einmal selbst die Socken anziehen lassen, Rad fahren kann. Danach konnte ich übrigens die Socken auch nicht selbst ausziehen. Eine heilende Wirkung muss man damit dem Extremsport im Wettbewerb wohl doch absprechen. Wen wundert´s ?

Nur etwa eine Stunde nach Zieleibnlauf machen wir (Andi, Olli + ich) uns auf die Heimfahrt. Bei 30 Grad Hitze dürfen wir nochmals den Schindellegi rauf, weil dort das zweite Auto steht, mit welchem Olli nachgereist kam. Vorher ziehen wir uns in Zug (nicht
im Zug, der Ort Zug am See ist gemeint!) noch eine Pizza rein. Die Heimfahrt ist ohne vorherigen Schlaf oder irgendeine Form der Erholung nicht gerade angenehm. Als es dunkel wird und ich nur noch allein im Auto (ohne Klimaanlage übrigens) sitze, heißt es nochmals volle Konzentration. Das eigentliche Ziel ist erst die heimische Garage. Bei Burghausen ist plötzlich noch dicker Nebel auf der Autobahn, jetzt nur keinen Coming-home-Effekt! Irgendwie schaffe ich es nach 22.00 nach Hause. Überlebt!

Das Ziel RAAm-Quali ist erreicht, somit bin ich auch zufrieden. Nie hätte ich gedacht, dass man unter diesen Voraussetzungen finishen kann. Dennoch bin ich der Meinung, dass man so etwas nicht öfter machen sollte. Die Gesundheit geht ganz klar vor! Einen Vorteil gibt es, wenn´s schlecht läuft, dennoch: Man hat mehr zu berichten.

Besonderer Dank gilt Andi Wagner, der die erste Hälfte des Rennens als Betreuer ganz allein geschultert hat. Oliver Loy, der um 21.00 Uhr in Bad Reichenhall losgefahren ist, um Andi und mir noch zu helfen, schulde ich denselben Dank. Ich rechne dies beiden sehr hoch an! Auch für weitere Unternehmungen gibt mir diese Einsatzbereitschaft den notwenigen Rückhalt! Das würde ich dann schon als außerordentilch vorbildliche Zuverlässigkeit bezeichnen!

See you at the Tortour...

Fotos: Oliver Loy, Andi Wagner

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