Dr. Achim Heinze


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Ultracycling Weltmeisterschaft 2012

Wettkampfberichte > 2012

>>> Das Führungstrio beim Glocknerman 2012: Patric Grüner (verdeckt). Severin Zotter, Achim Heinze (v.l)

8. Ultraradmarathon-Weltmeisterschaft / 15. Glocknerman

Im Jahr 2012 bin ich bis zum Glocknerman 8500 km und 100000 Höhenmeter gefahren, jedoch noch keinen einzigen Pass. Der längste Anstieg war die Großalmstraße mit ihren 350 Höhenmetern. Aber 500, 800 oder 1000 und mehr Höhenmeter am Stück? Fehlanzeige.

Eine Woche vor Rennstart hätte sich dank eines etwas sonnigeren Tages doch noch die Gelegenheit ergeben, auf die Postalm zu fahren - doch 100 Kilometer hin, 15 hinauf 15 herunter und wieder 100 Kilometer zurück?
Zu spät! An den Tagen bis zum Rennstart war bevorzugt lockeres Radeln angesagt, wobei ich wegen der Junikälte sogar mit Mütze und langen Handschuhen unterwegs sein musste.

Am 6.6.2012 schließlich holt mich Renato Ramella, der extra aus Zürich zur Rennbetreuung gekommen ist, ab. In Pocking nehmen wir noch Manni Gayer auf, der für die nächsten Tage das Lenkrad übernimmt.

Ein Temperatursprung von 13° auf 23° bringt uns in Graz, dem Start- und Zielort, in die richtige Rennstimmung: Unterlagen abholen, Hotel beziehen, Details durchsprechen, sich mit dem Anschluss des Tracking-Systems rumärgern - es ist am Vortag immer etwas zu tun - Bekannte treffen, die obligatorische Pizzeria am See aufsuchen,... schon fast Routine.

Am Donnerstag, 7.6.2012, dem Tag der Wahrheit, geht es aufs Ganze. Manchen merkt man ihre Nervosität an - sie tun mir leid, so wichtig ist das Ganze in Wirklichkeit gar nicht; aber wenn man jung ist, hat man doch noch einen sehr "engen" Blick . Mir ist das längst alles fast schon gleichgültig geworden, was vieles einfacher macht.

Pünktlich um 12:00 Uhr erfolgt der Startschuss, mit den vielen Betreuern und Zuschauern ist es doch eine ansehnliche Kulisse geworden. Wer von uns knapp 30 Teilnehmern wird das Ziel 2, 3 Tage später an gleicher Stelle wieder erreichen? In welchem Zustand? Bei welchem Wetter? Morgen, am Freitagnachmittag, soll es umschlagen und regnen.

Jetzt, während der neutralisierten Phase von 22 km, ist aber ein sonniger, 30° heißer Sommertag - perfektes Radwetter! Einige interessierte Radsportler, wie Hans Wünscher, begleiten uns zu Beginn. Am Waldschacher See wird kurz angehalten - die letzte Gelegenheit bis Winklern (um 22:00 Uhr !) für die Blase, zu ihrem Recht zu kommen.

Kitzeck wird schnell, aber für mich längst nicht über der anaeroben Schwelle gefahren. Jakob Zurl will es nach einer engen Rechtskehre wissen - ich setzte nach und fahre ein Stück weit voraus. Kurz antesten, was geht.

Zu zehnt rasen wir Richtung Soboth. Dort erwischt es bergan als ersten aus der Spitzengruppe Reinhard Wendler, der zurückfällt. Der slowakische Teilnehmer Richo Meleg bzw. der Franzose Jean-Christophe Teppaz fahren mit mir etwas vor der Gruppe, was mir entgegenkommt, da das Tempo - so empfinde ich - durchaus höher sein könnte.
Am Schaidasattel wird dann von allen flotter gefahren, sodass der französische Teilnehmer und ein Veloblitz-Fahrer zurück bleiben. Meiner Erinnerung nach sind es ab Ferlach noch Christian Fasching, Severin Zotter, Patrick Grüner, Jakob Zurl, Richo Meleg und ich im Spitzenfeld.

Jetzt sollten bis Winklern keine besonderen Schwierigkeiten mehr auftauchen - abgesehen vom immer noch südwestlichen Gegen- bzw. Seitenwind. Doch wer erscheint plötzlich auf dem Radradar? Denkt man nichts Schlechtes... tauchen vor uns tatsächlich Altmeister Tom Stindl und Extremkollege Harald Zima auf!
Im Ernst: Das hat uns alle sehr gefreut und war für mich sogar emotional der schönste Rennmoment und friedlichste Streckenabschnitt. In St. Jakob verabschieden sich beide wieder. Sie haben übrigens keine Führungsarbeit geleistet, es war absolut regelkonform. Danke fürs Vorbeischauen!

Bis Winklern passiert nichts Aufregendes mehr, wir kommen gut voran: in Villach ist viel Verkehr, durch Spittal läuft es fast problemlos.

In Winklern angekommen wird nur kurz gestoppt. Nach Lienz, Richtung Felbertauern kann man sich zu sechst, jetzt gegen Mitternacht, noch gut abwechseln. Bergauf ist mir das Tempo dann entschieden zu niedrig. Zusammen mit Patrick Grüner fahre ich voraus, was alle anderen zum Reagieren zwingt. Hier ist man schneller abgehängt, als man denkt: Felbertauern wird oft unterschätzt. Die Straße ist breit und wirkt nicht so steil wie sie tatsächlich ist. Christian Fasching und Richo Meleg müssen dem Tempo Tribut zollen, sodass wir zu viert abfahren und uns gen Glockner vorarbeiten.

Bei Dunkelheit geht es hinauf. Die Temperatur ist erstmals nicht mehr im Wohlfühlbereich, da vom Berg herab ein eisiger Luftstrom fällt. Gleichmäßig treten wir bergan ohne Stopp, ohne Verschärfungen - der Berg gibt das Tempo vor. Am Fuscher Törl wird Wärmekleidung übergezogen und schon geht es rasant bergab in die von Nebelschwaden durchzogene Dunkelheit. Als größte Gefahr erweist sich eine Gemse, die vor Patrick die Straße in einem Tempo quert, welches sonst nur ein herab rollener Felsblock erreicht. Hier hätte niemand mehr reagieren können. Aber es geht weiter...

In Winklern angekommen, ist es bereits hell geworden. Lang halten wir uns nicht auf. Wozu auch? Es ist erst die Hälfte des Rennens absolviert. Ich trinke ein Ensure, esse fünf Salzstangen dazu und schon fahren wir den Iselsberg hinauf. Durch Lienz bleibt dank der frühen Tageszeit der Straßenverkehr ruhig. Was macht das Wetter? Der Himmel ist mit Schleierwolken bedeckt, zum Glück nur beiderseits der vom Tal hochziehenden Berghänge; eine aufkommende Warmfront ist das nicht. Meiner Ansicht nach ist die Hoffnung auf einen weiteren Sommertag berechtigt.

Doch zurück zum Boden: Zu dritt führt man doppelt so oft wie zu sechst - noch 7 Stunden zuvor - und hat weniger Erholungszeit. Doch Severin und Patrick sind sehr faire Gefährten, sodass man gerne das Tempo hochhält!
Am Felbertauern bittet Severin, dass wir auf ihn warten, da die Zahnkränze seines Laufrades locker geworden sind. Er lässt das Rad ausbauen, nachziehen und wieder einbauen. Nach der Abfahrt Richtung Mittersill kommt der gefährlichste Streckenabschnitt: 20 Kilometer mit viel Verkehr bis Piesendorf/Zell am See. Endlich abgebogen Richtung Fusch, sind es zwar weniger Lkw, dafür umso mehr motorisierte Biker, die jetzt am Vormittag dasselbe Ziel wie wir verfolgen. Möglichst schnell zum Fuscher Törl. Aufgehalten werden wir nur von einer Baustelle, aber in aller Diplomatie kann ich eine Passage für uns drei Radfahrer erreichen. Fragen kostet nichts, außer vielleicht etwas "Unterwürfigkeit", aber wir verfolgen höhere Ziele! Namentlich das Hochtor. Der Umziehstopp findet aber bereits beim Fuscher Törl statt. Hier wechseln auch meine Betreuer - Jürgen Rosenberger und Josef Westner kommen neu ins Team -, sodass ich im Moment acht Hände um mich habe, die mir Flasche, Ensure, Knielinge, Mütze, lange Handschuhe, und eine Weste reichen. Die Armlinge ziehe ich immer schon bergauf an, da ich sie im Trikot bei mir habe.


Die Abfahrt ist unangenehm, da wir vom Verkehr aufgehalten werden. Auch die teilweise aufgefräste Straßendecke ist für Rennradreifen nicht ganz ohne.
Nach Heiligenblut empfängt uns heftiger Talaufwind zusammen mit der spannendsten aller Fragen: Wird der Wind, wenn wir das Quertal erreichen, von Westen oder von Osten kommen? Rücken- oder Gegenwind im Mölltal? Laut Wetterbericht ist für Spätnachmittag ein Tiefdruckgebiet angekündigt. Demnach müsste der Wind von Südost über Süd auf Südwest (und später Nordwest, da sind wir aber schon hinter Villach) drehen. Die Frage ist nur, ob wir nicht zu früh dran sind.

Dies ist leider der Fall. Nach unserem längsten Stopp in Winklern, wobei Manni während dieser zehn Minuten meine Rückenwirbel "knacken" lässt, haben wir extremen Gegenwind. Obwohl es bergab geht, stehen wir fast. 50 Kilometer sind es bis Lurnfeld, dann schlagen wir im Drautal eine direkt östliche Richtung ein, sodass Hoffnung auf wenigstens nur Seitenwind besteht. Einziger Lichtblick ist im Mölltal das zufällige Auftauchen eines Bekannten: Alois Sinzinger, selbst ein herausragender Lizenz- und Marathonfahrer, begleitet uns 10 km (auch wie gehabt neben, nicht vor uns, folglich nach wie vor im Sinne des Reglements!).
Doch nun sollte sich unser Schicksal zum Guten wenden: Ab Spittal kommt der Wind von Süden, also seitlich und nach der Windischen Höhe sogar von Südwesten, aus unserer Sicht rechts hinten. Zuvor müssen wir aber noch die Windische Höhe (1110 m) passieren. Leider müssen wir dies im Regen machen. Aber eine Stunde Nässe ist wirklich wenig, wenn ich an meine beiden anderen Teilnahmen am Glocknerman zurückdenke!
In Arnoldstein überholen wir die Classic-Teilnehmerin Nadja Prieling, die selbst auf Streckenrekordkurs liegt. Auch wir wollen möglichst schnell im Ziel sein, eine U40-Zeit ist mindestens drin. Villach, Finkenstein, Ferlach heißen die nächsten Orte, durch welche wir hindurchrasen. Doch Richtung Abtei wird das Tempo niedriger. Wir befinden uns bereits 150 km vor dem Ziel. Patrick Grüner, Severin Zotter und ich liegen gut in der Zeit. Wir haben endlich den Rückenwind, den wir uns lange gewünscht hätten, doch er wird nicht genutzt. Mit etwas mehr als 30 km/h geht es voran. Immer wieder wird nebeneinander gefahren. Die Betreuerautos kommen nach fast jedem Führungswechsel zum Fahrer.
Mir schwant gewohnt Böses. Um ein Zeichen zu setzen, fahre ich alleine schneller weiter. Nach 10 Minuten werde ich wieder eingeholt. Noch einmal dasselbe Spiel, dieses Mal erfolgt die Reaktion schneller.
Somit kommt es zur Aussprache. Jeder von uns ist in einer anderen Altersklasse. Die Rennleitung wird angerufen und lässt mitteilen, dass wir uns gemeinsam beeilen sollen, um eine sehr gute Zeit zu schaffen. Jetzt geht wirklich ein Ruck durch uns drei. Jeder übernimmt gerne die Führung und wir rasen teilweise mit knapp 50 dahin. Vor der Soboth wird es dunkel. Bis Kitzeck wird nochmals volles Tempo gemacht. Einige Gefahren lauern noch auf der Abfahrt, die ich erstmals bei Nacht absolviere - bis wir schließlich um 2 Uhr nachts wieder in Graz eintreffen. Da wir zu dritt sind, ist deutlich mehr los als bei meinen bisherigen Teilnahmen, schon ein weltmeisterlicher Empfang.
Ich nippe kurz an Sevis Sekt, ziehe mich gleich um, räume die am übelsten riechenden Sachen aus dem Auto (Bananenreste, Nudelpampe,...) dann werden die Auslagen der Betreuer erstattet, drei von uns treten gleich die Heimreise an und ich fahre (im Auto, ist sicherer) gen Hotel. Zur Feier des Tages trinke ich noch ein Ensure - na gut nur die Hälfte - sonst ist nichts Essbares mehr zu finden!

Als ich erstmals nach über 40 Stunden wieder in einen Spiegel sehe (was nicht bedeutet, dass ich das sonst öfter mache!), sehe ich etwas verschwollen aus; offenbar hat mich während der Fahrt ein Insekt unter das linke Auge gestochen. Es muss schon länger her sein, da die Schwellung schon nach unten wandert und Falten wirft. Bei höherem Puls heilt alles schneller. Wie muss ich da vorher ausgesehen haben! Hätte man mir aber auch sagen können! Oder hat es niemand bemerkt? Betreuer wie ich als Radfahrer selbst sind wohl während des Wettbewerbs zu sehr auf anderes programmiert, um diese kleinere und extrem unvorteilhafte Entstellung überhaupt wahrzunehmen.

Am Tag darauf wache ich schon ganz gut erholt auf; die Zeit vergeht mit Lesen, Schreiben Dauphine-Etappe ansehen (> die attackieren auch nicht öfter!) und zur nächsten Tankstelle pilgern bis man am Abend bei der Abschlussfeier die Zeiten, den Zustand und die Zukunftspläne der weiteren Finisher erfährt.

Letzte Facts: Schnitt 26,6 km/h - und die beste aller Nachrichten: Meine Nachwirkungen sind so gering wie bei einem Radmarathon, langsam zahlt sich´s aus...
Mein größter Dank geht ans Betreuerteam: Manni, Renato, Josef und Jürgen! Punktgenau gearbeitet!



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